Das systematische Mammografie-Screening bei Frauen soll neu bereits ab dem Alter von 45 stattfinden
Drei Schweizer Fachgesellschaften für Radiologie, Gynäkologie und Senologie empfehlen neu, das systematische Mammografie-Screening bereits ab dem Alter von 45 Jahren statt wie bisher ab 50 Jahren zu beginnen. Hintergrund ist die zunehmende Zahl von Brustkrebsdiagnosen bei Frauen unter 50 Jahren.
Argumente der Befürworter
- Brustkrebs tritt bei jüngeren Frauen häufiger auf als früher.
- Eine frühere Diagnose kann die Behandlung vereinfachen und die Heilungschancen verbessern.
- Die Fachgesellschaften berufen sich dabei insbesondere auf eine Studie aus dem Jahr 2020, die eine Reduktion der Brustkrebssterblichkeit zeigt.
Kritik von Krebsliga und Epidemiologen
Die Empfehlung stösst jedoch auf Widerstand:
- Die Krebsliga Schweiz weist darauf hin, dass der Nutzen gegen mögliche Nachteile abgewogen werden müsse.
- Zu den Risiken gehören:
-
- Überdiagnosen
- unnötige Folgeuntersuchungen
- psychische Belastung durch Fehlalarme
- unnötige Behandlungen
Experten kritisieren zudem, dass die Fachgesellschaften vor allem relative Risikoreduktionen kommunizieren, während die absoluten Nutzenzahlen deutlich kleiner ausfallen.
Die wichtigsten Zahlen
1. Gemäss der zitierten Studie:
- Wenn 1'000 Frauen zwischen 40 und 50 Jahren regelmässig gescreent werden, sterben innerhalb von zehn Jahren durchschnittlich 0,6 Frauen weniger an Brustkrebs.
- Die Brustkrebssterblichkeit sinkt zwar leicht, die Gesamtsterblichkeit bleibt jedoch unverändert.
- Frauen leben dadurch statistisch gesehen nicht länger; lediglich die Todesursache verändert sich.
2. Bei Frauen ab 50 Jahren:
- Ohne Screening sterben innerhalb von 20 Jahren etwa 20 von 1'000 Frauen an Brustkrebs.
- Mit Screening sterben 16 von 1'000 Frauen an Brustkrebs.
- Somit werden 4 Brustkrebs-Todesfälle pro 1'000 Frauen verhindert.
- Gleichzeitig erleben etwa 250 von 1'000 Frauen mindestens einen Fehlalarm.
- 5 bis 10 Frauen werden möglicherweise unnötig behandelt.
Aktueller Stand
- Die Fachgesellschaften halten trotz Kritik an ihrer Empfehlung fest.
- Für eine offizielle Anpassung der kantonalen Screening-Programme wäre ein Verfahren beim Bundesamt für Gesundheit erforderlich.
- Die Krebsliga setzt derzeit andere Prioritäten:
-
- flächendeckender Zugang zum Screening ab 50 Jahren in allen Kantonen
- Anhebung der oberen Altersgrenze auf 74 Jahre, da bei Frauen zwischen 70 und 74 Jahren deutlich mehr Brustkrebsfälle auftreten als bei den 45- bis 49-Jährigen.
Fazit
Die Diskussion zeigt exemplarisch ein zentrales Prinzip der modernen Präventionsmedizin: Vorsorgeuntersuchungen bieten Chancen, haben aber auch mögliche Nachteile. Die Frage ist nicht nur, ob ein Screening Krankheiten früher erkennt, sondern auch, wie gross der tatsächliche Nutzen ist und welche Risiken (Fehlalarme, Überdiagnosen, Übertherapien) damit verbunden sind.
Gerade deshalb ist eine informierte Entscheidung («Shared Decision Making») zwischen Patientin und Ärztin bzw. Arzt besonders wichtig. Für Frauen zwischen 45 und 49 Jahren bleibt die wissenschaftliche Bewertung des Mammografie-Screenings derzeit Gegenstand einer kontroversen Diskussion.
